Kurt Tucholksy -- Schloß Gripsholm
Der letzte Urlaubstag...
Ich bin schon für die Reise angezogen, zwischen mir und dem Mälarsee ist eine leise Fremdheit, wir sagen wieder Sie zueinander.
Die langen Stunden, in denen nichts geschah; nur der Wind
fächelte über meinen Körper – die Sonne beschien mich ... Die langen
Stunden, in denen der verschleierte Blick ins Wasser sah, die Blätter
zischelten, und der See plitschte ans Ufer; leere Stunden, in denen sich
Energie, Verstand, Kraft und Gesundheit aus dem Reservoir des Nichts,
aus jenem geheimnisvollen Lager ergänzten, das eines Tages leer sein
wird. »Ja«, wird dann der Lagermeister sagen, »nun haben wir gar nichts
mehr...« Und dann werde ich mich wohl hinlegen müssen.
Da steht Gripsholm. Warum bleiben wir eigentlich nicht immer
hier? Man könnte sich zum Beispiel für lange Zeit hier einmieten, einen
Vertrag mit der Schloßdame machen, das wäre bestimmt gar nicht so teuer,
und dann für immer: blaue Luft, graue Luft, Sonne, Meeresatem, Fische
und Grog – ewiger, ewiger Urlaub.
Nein, damit ist es nichts. Wenn man umzieht, ziehen die Sorgen
nach. Ist man vier Wochen da, lacht man über alles – auch über die
kleinen Unannehmlichkeiten. Sie gehen dich so schön nichts an. Ist man
aber für immer da, dann muß man teilnehmen. »Schön habt ihr es hier«,
sagte einst Karl der Fünfte zu einem Prior, dessen Kloster er besuchte.
»Transeuntibus!« erwiderte der Prior. »Schön? Ja, für die
Vorübergehenden.«
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